postheadericon Westanatolien-Reise 2010

Westanatolienreise der Pazyryk Gesellschaft
vom 3.5.10-12.5.10

 

Wir sind eine Gruppe von 18 Mitgliedern der Pazyryk Gesellschaft, für die Ditrun Zeller und Gösta Wackernah interessante Programmpunkte zusammengestellt haben und die die Geschichtsträchtigkeit und das Flair dieser Region, Ursprungsgebiet so vieler Teppichkostbarkeiten, die uns besonders am Herzen liegen, genießen wollen.

 

 

Montag, 3.5.10

Wir treffen uns alle am Frankfurter Flughafen und starten mit einer ¾ Stunde Verspätung. Der Flug ist o.k., wir landen in Istanbul, der Reiseführer von via cultus namens Cihan wartet schon auf uns, bloß Larry Fogelberg geht noch ab, weil er als Amerikaner ein Visum braucht. Schließlich können wir losfahren, wir haben einen schönen Bus, der Fahrer heißt Emin.

Wir bekommen erste Informationen über und erste Eindrücke von der Stadt, die auch auf 7 Hügeln erbaut worden ist, was ein abwechslungsreiches Bild ergibt und immer wieder interessante Ausblicke gewährt.

Istanbul ist eine ausufernde Stadt mit zur Zeit 15 Millionen Einwohnern. Orhan Pamuk schreibt in seinem Buch Istanbul: „ Nach dem ersten Weltkrieg......hatte Istanbul kaum mehr als eine halbe Million Einwohner. Gegen Ende der fünfziger Jahre, als ich noch ein Kind war, erreichte die Einwohnerzahl eine Million. Anfang 2000 waren es 10 Millionen.....“

1970 hatte die Stadt 2,25 Millionen Einwohner, von denen 20.000 Griechen waren (Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1974), und Griechen waren es auch, die die Stadt im 7. Jhdt v. Chr. an dieser wichtigen Handelsstraße gründeten. Jason ist hier in legendären Zeiten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies sicher auch vorbeigekommen.

Wir fahren am unteren Bosporus entlang, das Wasser ist herrlich blau, es gibt einen Hafen mit vielen Segel- und anderen Booten. Auf der anderen Seite des Wassers ist der asiatische Teil der Stadt. Der Himmel ist auch blau, und es weht ein schöner warmer Wind.

Wir fahren an der Theodosianischen Landmauer entlang, die der namensgebende Kaiser 412-422 n. Chr. erbauen ließ. Die Mauer war mal 2-reihig mit jeweils tiefen Gräben vor der inneren und äußeren Mauer, zinnenbewehrt und mit Türmen besetzt, einzelne Tore sind noch erhalten. An der Mauer entlang sehe ich etliche Schrebergärten, wie es sie an der Nürnberger Stadtumwallung auch gibt. Die Mauer schützte die Stadt 1000 Jahre lang, die solange als uneinnehmbar galt, bis Mehmet II sie 1453 eroberte. Die Silhouetten der Moscheen, teilweise von dem berühmten Baumeister des 16. Jhdts Sinan (1491-1588) erbaut, geben der Stadt ihr orientalisches Aussehen.

Immer noch an der Theodosianischen Landmauer entlang, fahren wir bis zum Goldenen Horn, wo die Landmauer endet und in die Seemauer übergeht, vorbei an einer orthodoxen Kirche, dem Sitz des griechisch-orthodoxen Patriarchats, und der Süleymaniye-Moschee, letztere auch von Sinan erbaut.

Wir fahren weiter über das Goldene Horn und die Galatabrücke unter dem Aquaedukt aus dem 4. Jhdt n. Chr. vorbei an der Fatih-Moschee zum Hotel Berr, unserem Quartier in Istanbul. Nach dem Abendessen machen wir noch einen Bummel zur Fatih-Moschee und zum Mausoleum von Mehmet II, wir sehen von außen durch ein Fenster den riesigen Sarkophag mit dem großen prächtigen Turban des Herrschers (je größer der Turban, desto bedeutender der Tote). Es ist schon dunkel, das Areal um Moschee und Mausoleum herum ist sehr malerisch. An der Straße zurück zum Hotel fallen ausgesprochen viele Geschäfte für Brautmoden auf. Für meinen Geschmack viel, viel, viel zu zuckerig!

 

Dienstag, 4.5.10

Wir starten mit dem Bus auf die asiatische Seite der Stadt, überqueren dabei wieder die Landmauer. Die Silhouette mit Kuppeln und Minaretten wechselt immer wieder zu Arealen mit imposanten Hochhäusern, dazwischen niedrigere, wuselige Bebauung, das ganze ziemlich inhomogen.

Wir fahren auf der Hauptstraße über die große Mehmet II-Hängebrücke und haben einen prächtigen Blick auf den Bosporus, rechts liegt der Ausgang des Bosporus zum Marmarameer hin und links geht es zum Schwarzen Meer.

Wir fahren zur Fakultät für Bildende Künste der Marmara-Universität, wo wir von einer Professorin freundlich empfangen werden, die uns ihre Mitarbeit am Dobag-Projekt erläutert. In der Werkstatt sehen wir viele Webstühle, an denen die Studenten die Techniken erlernen und ihre Entwürfe realisieren. In den Gängen sind in Schaukästen ihre Werke ausgestellt.

Wir befinden uns im Viertel Skutari-Kadiköy und haben wieder einen herrlichen Blick auf den Bosporus und gegenüber die Silhouette mit der Blauen Moschee, dem Topkapi-Palast, der Hagia Sofia und der Süleymaniye-Moschee. Auf dem Bosporus herrscht reges Treiben von Lastschiffen.

Über die Bosporusbrücke und die Galatabrücke kommen wir wieder auf die europäische Seite, fahren an der Seemauer entlang, an der Palastnase (das ist der Landvorsprung am Topkapi-Palast) und Blauen Moschee vorbei und haben einen prächtigen Blick auf die Hagia Sofia, deren Anfänge im 4. Jhdt n. Chr. in der Zeit Konstantins des Großen liegen.

Ich bin ergriffen, unter der gewaltigen Kuppel dieser bedeutenden Kirche der Christenheit zu stehen! Es gibt noch vereinzelt herrliche Mosaiken und Fresken, die in osmanischer Zeit, als die Kirche zu einer Moschee umgewidmet wurde, übertüncht waren und jetzt, da das ganze Bauwerk ein Museum ist, wieder freigelegt wurden.

Nicht weit von hier, gegenüber der Hagia Sofia, ist die Sultan-Ahmed-Moschee, Anfang des 17.Jhdts erbaut, die mit ihren 6 Minaretten, vielen Kuppeln und Türmchen eine herrliche Silhouette abgibt und wegen ihrer Innenausstattung mit den wunderschönen blauen Fliesen aus Iznik die Blaue Moschee genannt wird. Die vielen bunten Glasfenster machen die Moschee im Inneren schön hell. An der nordwestlichen Seite der Blauen Moschee befand sich in römischer Zeit das Hippodrom. Auf der Mittelachse dieses Areals steht heute ein ägyptischer Obelisk aus Karnak, eine bronzene Schlangensäule aus Delphi, ein gemauerter Obelisk, der früher vermutlich mal mit Bronzeplatten verkleidet war und am Ende des Platzes noch der Deutsche Brunnen, den Kaiser Wilhelm II 1898 dem damaligen Sultan geschenkt hat.

Letzter Punkt auf dem Besichtigungsprogramm ist heute die Zisterne aus dem 6. Jhdt, der Zeit Kaiser Justinians. Die vielen herrlich gemauerten Kuppeln dieses unterirdischen Reiches werden von über 300 Säulen mit ganz verschiedenen Kapitellen getragen, die von älteren griechischen Bauwerken stammen. Die Säulen sind teilweise beleuchtet, zwei von ihnen stehen auf umgedrehten Medusenhäuptern, vielleicht zum Zeichen dafür, daß man alles umkrempeln wollte. Im Wasser liegen viele Münzen und schwimmen zahlreiche Fische. Es herrscht eine ganz tolle Atmosphäre.

Zum Abendessen fahren wir zum Hauptbahnhof, der Endstation des legendären Orientexpress. Es ist ein schönes altes Gebäude, und wir dinieren im ehemaligen Wartesaal unter historischen Fotos, u. a. von Agatha Christie.

Zum Abschluß gibt es noch eine kleine Stadtrundfahrt: „Istanbul bei Nacht“. Wir fahren an der „Hohen Pforte“ vorbei, einem prachtvollen Tor zu dem Gelände, auf dem sich die Verwaltungsgebäude des Osmanischen Reiches befanden, gegenüber von einem Pavillon mit vergoldeten Fenstergittern, von dem aus der Sultan bei Umzügen seine Untertanen grüßen konnte. Weiter geht es am beleuchteten Goldenen Horn und am Bosporus entlang zu einem Bummel in der mit Lichtern (für meinen Geschmack weihnachtlich, es sind Sterne und Weihnachtsmänner dabei) geschmückten Fußgängerzone. Es ist eine breite Straße, an der viele Häuser mit prächtigen Fassaden vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jhdts stehen. Wir schlendern auch durch kleine Seitenstraßen, an denen sich ein Straßenrestaurant an das andere reiht, teilweise mit ohrenbetäubender Live-Musik

 

Mittwoch, 5.5.10

Erster Programmpunkt ist heute der Topkapi-Palast, zwischen 1459 und 1465 kurz nach der Eroberung Konstantinopels von Sultan Mehmet II erbaut. Wir steigen an der Hagia Sophia aus und gehen zwischen Hagia Sophia und Palastmauer die ruhige gepflegte Straße (Sogukcesme sok) mit den alten kleinen restaurierten Holzhäusern entlang. Sehr gute Adresse!

Wir betreten die Palastanlage mit ihren Terrassen zum Bosporus und zum Goldenen Horn, sehen die Schatzkammer, die Reliquienkammer, die Halle der Gerechtigkeit, in der der Sultan seinen Wesiren Anweisungen gab, und den Harem, dieses mit herrlichen Fliesen geschmückte Gefängnis für die schönen Sklavinnen des weniger schönen Sultans.

Nahe am Topkapi-Palast steht der Ibrahim Pascha Palast (Ibrahim Pascha war ein Schwiegersohn und Großwesir Suleimans des Prächtigen 1520-66), in dem das Museum für türkische und islamische Kunst untergebracht ist. An dem Palastbau soll auch der Baumeister Sinan mitgewirkt haben.

Neben vielen anderen Exponaten (seltene Handschriften, Kalligraphien, Koranständer) interessieren uns die Teppiche am meisten, wir sehen u. a. sehr geschickt präsentierte Fragmente aus dem 13. Jhdt, Teppiche mit Tschintamani- und Wellenmotiven, einen Garten-Teppich und einen Vogel-Uschak.

Danach besuchen wir die Werkstatt eines Teppichrestaurators und sehen, wie mühselig seine Arbeit ist. Anschließend sind wir in der Galerie des renommierten Teppichhändlers Cetinkaya zu Gast, der seltene und alte Teppiche und viele Waren aus Usbekistan (Susanis, Seidengewebe, auch Ikats) verkauft.

Das Abendessen in einem Restaurant am Marmarameer ist der letzte Punkt unseres heutigen Tagesprogramms.

 

Donnerstag, 6.5.10

Wir besuchen die Erlöserkirche des Chora-Klosters, in der einige der exquisitesten byzantinischen Mosaiken und Fresken bewahrt werden. Die Anfänge der Kirche liegen wohl im 4. Jhdt n. Chr., der heutige Bau geht auf das 11. Jhdt zurück. Der Mosaiken- und Freskenschmuck stammt aus den Jahren 1315-1321. Es gibt herrlich gemauerte Gewölbe an den Decken, überall romanische Bögen, alte Säulen mit wunderschönen Kapitellen. In den Mosaiken wird Maria auch als orientalische Frau mit schwarzem Gewand und Schleier dargestellt (man stelle sich dagegen die farbenprächtigen, lieblichen Renaissance-Madonnen vor, die uns geläufiger sind), über dem Portal des Hauptschiffs eine Dormitio-Szene, d.h. die Himmelfahrt Mariens: Maria liegt auf dem Totenbett, über ihr steht Jesus mit einem Kind auf dem Arm, das symbolisiert die Seele Mariens. Über dem ganzen schweben die Cherubim, die die Seele Mariens in Empfang nehmen wollen.

Nächster Programmpunkt ist die Suleymaniye-Moschee, die wir leider nur von außen anschauen können, weil sie gerade renoviert wird. Sie wurde (1550-1557) auch von dem berühmten Baumeister Sinan gebaut, der als Kind im Rahmen der „Knabenlese“ aus einer christlichen Familie herausgeholt wurde und in dem Erziehungsprogramm Enderun ausgebildet und zum Moslem erzogen wurde. Um die Moschee herum ist ein schöner, gepflegter Friedhof, auf dem viele gesunde Rosenstöcke stehen. Leider blühen sie noch nicht. Auf dem Friedhof stehen auch die Mausoleen des Sultan Suleiman I. und des Sinan, beide (die Mausoleen) mit schönen Iznik-Fliesen ausgestattet. Nach einem Gang durch den Bazar sehen wir noch ein weiteres Werk von Sinan, die Rüstem-Pascha-Moschee, die den kostbarsten Fayenceschmuck (natürlich aus Iznik) aller Istanbuler Moscheen aufweist. Rstem Pascha war ein Schwiegersohn und Großwesir Suleimans I. In meinem Vis-a-Vis Istanbul-Reiseführer steht: „Die überwältigende Innendekoration (der Moschee) läßt ahnen, welch saftige Schmiergelder der korrupte Rüstem Pascha einstrich.“

Wir gehen weiter über den Ägyptischen Gewürzbazar zur Neuen Moschee od. Yeni-Camii aus dem 17. Jhdt, die von der Mutter Sultan Mehmets III. gestiftet wurde. Der riesige Bau mit der Zentralkuppel à la Sinan ist innen mit Kalligraphien und Fließen aus Iznik geschmückt, deren Qualität im 17.Jhdt aber schon anfing nachzulassen.

Die Moschee befindet sich am Südende der Galata-Brücke, über die wir jetzt bummeln. Überall herrscht geschäftiges Treiben und viele Einheimische angeln vom Geländer aus nach Fischen.

Wir fahren mit dem Bus in den Norden von Istanbul. Im oberen Drittel vom Bosporus befindet sich am europäischen Ufer das private Museum Sadberk Hanim der Unternehmer-Familie Koc. Es beherbergt archäologische Sammlungen aller Perioden seit der Jungsteinzeit, Fliesen und Keramik aus Iznik und Gewänder aus dem 19. Jhdt Bei der Keramik entdecke ich Motive, die auch in Teppichen vorkommen: Tschintamani und Wolkenband.

Das Gebäude des Museums ist eines (besser gesagt zwei) der berühmten Yali-Holzhäuser, die sich reiche Istanbuler Familien in den letzten zwei oder drei Jahrhunderten an den Ufern des Bosporus als Ferienhäuser gebaut haben. Die Familie Koc hat es noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts als Ferienhaus genutzt. Danach wurde es innen museumstauglich umgebaut.

Zum Abendessen gehen wir in der Nähe in ein schönes Strandlokal mit Blick direkt auf die Einmündung des Bosporus in das Schwarze Meer. Grandios! Hier hat sich der Jason auch durchgezwängt, wie er das Goldene Vließ gesucht hat. Es herrscht reger Schiffsverkehr. Wir besteigen eines der Schiffe und fahren den ganzen Bosporus wieder hinunter. Wir sehen auf der europäischen und der asiatischen Seite zahlreiche Yali-Häuser, in jedem Erhaltungszustand. Orhan Pamuk beschreibt in seinem Istanbul-Buch ausführlich, wie die Yalis seit vielen Jahren der Verwahrlosung und Bränden zum Opfer gefallen sind und durch Betonbauten ersetzt wurden.

Wir landen in der Nähe des Dolmabahce-Palastes und genießen noch einmal den Blick auf die Silhouette der Altstadt.

 

  

Freitag, 7.5.10

Wir starten vom Hotel früh um 8.30 Uhr und fahren nach Asien hinüber. Es herrscht viel Verkehr, besonders Richtung Europa. Von der großen Hängebrücke haben wir noch einmal einen grandiosen Blick nach rechts zur Altstadt mit der ganzen Silhouette, und nach links zum Ausgang des Bosporus zum Schwarzen Meer. Istanbul hat eine Ost-West-Ausdehnung von 150 km, und eine Nord-Süd-Ausdehnung von 70 km.

Wir landen in Hereke an der Izmit-Bucht des Marmarameeres, wo es seit 1843 Teppichmanufakturen gibt, in denen für den Hof und die Paläste die feinsten Teppiche (1156 Knoten pro cm², das ist 34x34) geknüpft wurden und heute noch geknüpft werden. Kaiser Wilhelm II. besuchte 1898 die Teppichknüpfereien (seit Ende des 19. Jhdts stieg die Nachfrage nach Orientteppichen im europäischen Großbürgertum)in Hereke und hatte für sie ein paar Anilinfarben im Gepäck. Wir besichtigen die Manufaktur und auch den Pavillon, in dem Wilhelm II. damals gewohnt hat. Der Pavillon wurde seinerzeit innerhalb von 3 Tagen errichtet. In Zusammenarbeit mit Deutschland soll hier nun ein Museum eingerichtet werden.

Bei der Knüpferei Han Hali werden uns viele (auch Seiden-)Teppiche gezeigt und erklärt, dazu wird Tee gereicht. Die Muster und vor allem die Farben der Teppiche kommen meinem Geschmack nur selten entgegen.

Wir nehmen einen Imbiß in einem Fischlokal direkt am Ufer des Marmarameeres. 5 Meter von uns entfernt liegen die Bötchen vertäut. Wir essen frittierte kleine Fische und trinken einen Raki darauf.

 

Weiter geht die Fahrtnach Iznik. Hier wurden während es Osmanischen Reiches die berühmten Iznik-Fliesen hergestellt, mit denen die Wände der sakralen Bauten und Paläste verziert wurden. Mit dem Untergang des Osmanischen Reiches sank die Nachfrage nach diesen Produkten, und die Fähigkeiten der Keramikhandwerker gingen nach und nach verloren. Ihre Nachfahren bringen nicht mehr so schöne Farben und Glasuren zustande.

Iznik hieß in römischer Zeit und bis zur Eroberung durch die Seldschuken 1081 Nicäa, fungierte im 13. Jhdt nach der Rückeroberung durch die Kreuzfahrer und die Byzantiner zeitweise auch als Hauptstadt des „Kaiserreichs Nicäa“. Viele Jahrhunderte vorher berief Kaiser Konstantin der Große im Jahre 325 hier das erste ökumenische Konzil ein, dessen Ergebnis das erste offizielle christliche Glaubensbekenntnis war, welches die Wesenseinheit von Gott-Vater und Gott-Sohn lehrt.

Wir besichtigen in Iznik das Archäologische Museum, das in dem schönen Bau der zur Grünen Moschee gehörigen ehemaligen Armenküche untergebracht ist. Es gibt Exponate aus allen Epochen seit der Jungsteinzeit, mich interessieren vor allem die Keramiken, auf denen ich auch wieder die drei Tschintamani-Punkte und Wellenmotive, wie auf den anatolischen Teppichen, entdecke.

Die Grüne Moschee verdankt ihren Namen der Farbe der Minarettkacheln, die leider durch minderwertige moderne Kopien ersetzt worden sind.

Es gibt in Iznik auch eine Hagia Sophia, die wir nur im Vorbeigehen sehen, in der ein Museum eingerichtet ist. Es waren von ihr nur die Grundmauern übrig, der byzantinische Kuppelbau mit klarer Basilika-Gliederung wurde notdürftig wieder aufgebaut.

Unsere Fahrt geht weiter Richtung Bursa, am Ufer des Iznik-Sees entlang. Die Landschaft ist wunderschön und gepflegt, rechts liegt der See, links sehen wir auf bewaldete Berge. Die Vegetation ist üppig, es gibt viele Oliven- und Obstplantagen. Bei der Stadt Gemlik taucht das Marmarameer wieder auf. Die Gemlik-Oliven gehören zu den besten.

Wir kommen in der Kreishauptstadt Bursa an, die inzwischen 1,9 Millionen Einwohner hat und auf sehr bergigem Gelände liegt. Hier ist der Anfang (oder das Ende) einer Seidenstraße. Die Stadt war mal berühmt für ihre Seidenraupenzucht. Unser Reiseleiter Cihan sagt, daß Bursa zur Zeit seiner Kindheit eine kleine Stadt war, und Cihan ist höchstens 45 Jahre alt.

Wir wohnen am Stadtrand in einem großen Holiday Inn.

 

 

Samstag, 8.5.10

Bursa war die erste Hauptstadt des Osmanischen Reiches, vorher aber auch schon bedeutend, es gibt Verteidigungsmauern aus hellenistischer Zeit. Wir besichtigen den Komplex Grüne Moschee mit dazugehörigem Grabmal Mehmets I. und Medersa vom Ende des 14., Anfang des 15. Jhdts. Die Wände und der Mihrab (die Gebetsnische) der Moschee sind mit schönen grünen oder türkisfarbenen Fliesen und Kalligraphien geschmückt. In der Medersa ist ein Museum untergebracht, in dem es Keramik, Schmuck, Metallarbeiten, ein paar Teppiche und Trachten aus der Gegend von Bursa zu sehen gibt. Es gibt auch einen schönen, an 3 Seiten von Arkaden gerahmten Innenhof,rosenbestanden, mit symbolischem Brunnen, ähnlich den Kreuzgängen unserer Klöster.

Nächste Station ist die Große Moschee aus der frühosmanischen Periode vom Ende des 14. Jhdts. Es ist ein riesiger, mehrschiffiger Bau in dem viele dicke Pfeiler die Kuppeln tragen. Die Kalligraphien sind hier dominierend und bedeutend.

Im Zentrum ein großer Springbrunnen. Der Minbar ( die Treppe, von der der Imam aus predigt ) ist mit kunstvollen Intarsienarbeiten ausgestattet. Vor dem Mihrab ist gerade ein Imam, Vorbeter, Muezzin in Aktion und wird vom Fernsehen aufgenommen. So kommen wir auch in den Genuß der Gesänge. Cihan erklärt uns, daß jeder Muezzin auch ein Imam ist, aber nicht jeder Imam auch ein Muezzin, weil der Muezzin eine gute Stimme haben muß und singen können muß.

Im Seidenhan, das ist das Zentrum für Seidenhandel und Design schlage ich wieder gnadenlos zu weil ich bei den schönen Farben der Seidenschals nicht widerstehen kann.

Wir besichtigen in Bursa noch die Türbe (die Bezeichnung für ein Grabmal) des Orhan Gazi, dem Sohn des Osman, des ersten Herrschers des Osmanischen Reiches, und die Türbe von Osman selbst, dessen Bestattungsplatz von einem riesigen Sarkophag markiert ist. Das heißt, daß der Tote nicht im Sarkophag liegt, sondern in der Erde und der Sarkophag bloß die Stelle kennzeichnet. Je nach Bedeutung des Verstorbenen ist der Sarkophag größer oder kleiner, im Falle des Osman ist er riesig und darüber hängt ein prächtiger Kristallüster. Ein weiteres ehrendes Attribut ist ein mit Elfenbein eingelegter Zaun um die Begräbnisstätte herum.

Wir gehen zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man sehen kann, wie groß die Stadt ist. Die Berge um die Stadt herum sind bis zu 2900 m hoch.

Auf dem Weg zum privaten Uluumay-Textilmuseum kommen wir noch am Moscheekomplex Murads II. (das war der Vater von Mehmet II.) vorbei. Der Muezzin, ein sympathischer Mann mittleren Alters mit Brille, gibt uns einige Erläuterungen: Die Moschee ist ein Mehrzweckbau aus der 1. Hälfte des 15. Jhdts Auf dem Gelände gibt es noch einige Türben, darunter das Grabmal Murads II. Die ganzen Bauten hier wurden bei einem Erdbeben 1855 ziemlich zerstört und danach wieder aufgebaut, teilweise mit antikem Material, wie man an Säulen und Kapitellen sehen kann.

Schließlich erreichen wir das Uluumay-Museum. Der Besitzer, ein vornehmer alter Herr mit weißen Haaren, und seine schöne Tochter empfangen uns. Wir sehen eine Fülle von Trachten mit spektakulären Stickereien aus verschiedenen Gegenden Anatoliens. Die einzelnen Trachtenpuppen drehen sich, damit man sie auch von hinten anschauen kann. Dieses private Museum hat auch eine große und sehr beeindruckende Schmuckabteilung.

 

 

Sonntag, 9.5.10

Wir verlassen Bursa und fahren Richtung Troja. Heute werden wir in der Gegend von Canakkale an den Dardanellen, von den Griechen Hellespont genannt, übernachten. Der Himmel ist bedeckt, als ob es regnen wollte. Die Landschaft ist leicht wellig und alles ist schön grün. Wir fahren nördlich des Ulubat-Sees entlang. Cihan erzählt uns über die Geschichte Anatoliens: Es gibt mehr als 25 Ethnien. Die Besiedlung Südostanatoliens kann schon seit der Altsteinzeit (12.-10. Jahrtausend v. Chr.) nachgewiesen werden. Die trojanische Geschichte fängt ca. 3000 v. Chr. an (Bronzezeit). Damals gab es in Anatolien viele protohattische Stadtstaaten, die am meisten verbreitete Staatsform zu der Zeit.

2000 v. Chr. endet in Anatolien die prähistorische Zeit, d.h. ab da gibt es schriftliche Überlieferungen. Aus dieser Zeit sind Tontafeln assyrischer Handelsniederlassungen in Anatolien erhalten, auf welchen letztere ihre Handelsverträge in Keilschrift aufgeschrieben haben. In Anatolien gab es Kupfer, in Mesopotamien Zinn; beides zusammen ergibt Bronze.

Wir fahren lange über Land, streckenweise wird intensiver Ackerbau betrieben, dann wieder wird die Landschaft bergiger, mit dichter Bewaldung. Jetzt ist das Marmarameer wieder ganz nahe. an dessen Ufer wir nun entlangfahren. Das Blau des Meeres verschmilzt mit der dunstigen Bläue des Himmels. Auf den bewaldeten Bergen sind immer wieder Brandschneisen durchgezogen. Das gegenüberliegende Ufer der Dardanellen rückt näher. Diese Wasserstraße war seit dem Trojanischen Krieg stets heiß umkämpft, zuletzt im 1. Weltkrieg.

Canakkale (das schönste an der Stadt ist ihre Lage)ist eine Provinzhauptstadt mit 100.000 Einwohnern. Hier machen wir Mittagspause und spazieren an der Promenade entlang bis zu einem Museumsgelände, auf dem Kanonen und anderes Kriegsgerät aus dem 1. Weltkrieg ausgestellt sind. Wir sitzen auf einer Bank an der engsten Stelle der Dardanellen. Hinter uns ist eine Festung, auf dem gegenüberliegenden Ufer in unserem Blickfeld eine weitere. Der Muezzin ruft, und wir müssen zu unserem Treffpunkt am Trojanischen Pferd zurück.

Wir fahren nach Troja! Zuerst ist das Gelände sehr hügelig, mit wenig Bäumen, von vielen Gräben durchzogen. Später wieder liebliche Landschaft mit bestellten Feldern und Olivenhainen.

Am Eingang zum Grabungsgelände steht auch wieder ein Trojanisches Pferd. Wir gehen an den Mauern von Troja entlang. Aus den Mauern und darüber wächst und blüht dunkelrot leuchtender Mohn, blauer Hahnentritt und baue, glockenähnliche Blumen.

Wir stehen an den Mauern von Troja VI, Mauerstärke 4-5 m, Höhe 10 m. Unterer Teil Stein, weiter oben Ziegelmauerwerk. Troja war einmal eine Hafenstadt. Der Hafen versandete. Wir sehen die Grundmauern eines Megaron-Haus-Typus: So wirdein Langhaus mit einer Vorhalle bezeichnet, das Vorbild für die griechischen Tempel. Wir stehen am sogenannten Schliemanngraben. Die ganzen Schichten von Troja I-IX sind insgesamt 37 m hoch. Wir sehen auch eine Rampe, die die Unterstadt mit der Oberstadt verband, und die Grundmauern eines Heiligtums. Auf der Höhe von Troja IX, in der römisch-byzantinischen Epoche, gab es ein kleines Odeon und daneben Thermen. Wir gehen zu einem Aussichtspunkt, von dem man einen guten Überblick über das gesamte Gelände hat. Gabi Binder klärt mich auf, daß die blauen Blumen, die ich für Hahnentritt gehalten habe, Malven sind.

Wir durchlaufen den ganzen Parcours noch einmal für uns, weil wir genügend Zeit dafür haben.

Übernachten tun wir unweit von Troja in einem kleinen Ort direkt am Strand der Dardanellen mit Blick auf die Engstelle zum Mittelmeer hin. Vor dem Abendessen sitzen wir in einer Runde direkt am Strand mit Blick auf den Hellespont und nach dem Abendessen sitzen wir erneut draußen bis es dunkel wird. Ich genieße das Bewußtsein, mich an einem so geschichtsträchtigen Ort zu befinden.

 

Montag, 10.5.10

Nach dem Frühstück werfen wir noch einmal einen Blick auf den Strand und den Hellespont, dann müssen wir von den Dardanellen Abschied nehmen. Die Landschaft, durch die wir fahren, ist leicht hügelig, alles ist schön grün, die Felder sind wohlbestellt, die Wälder lieblich. Wir fahren im Tal des Skamander, einer der Flüsse, die Troja versandet, verlandet haben. Wir überqueren den Fluß und fahren durch die Landschaft Troas, wo es einige antike Städte gab, von denen nicht viel übrig geblieben ist. Eine davon war Alexandria Troas, in der auch der Apostel Paulus wirkte.

 

In Ayvacık besuchen wir ein Institut, in dem das Dobag-Projekt realisiert wird, das von Harald Böhmer initiiert worden ist. Ziel des Projektes ist, die Naturfarben und die alten Muster in der Teppichknüpferei wieder zu Ehren kommen zu lassen. In der Färberei sehen wir, wie die Wolle vor dem Färben gebeizt wird, damit sie die Farbe besser annimmt. In einem anderen Institut bekommen wir von einer jungen Professorin noch eine Power-Point-Präsentation zum Thema Dobag-Projekt, Cihan übersetzt aus dem Türkischen

Auf dem Weg zum Bus entdeckt Gösta eine lebende Schildkröte in einer Mülltonne und setzt sie wieder ins Gras.

Wir befinden uns in der Landschaft Äolien und fahren weiter nach Assos, das an der Edremit-Bucht gegenüber von der Insel Lesbos liegt. Aristoteles gründete hier im 4. Jhdt v. Chr. eine Philosophenschule. Toll, das blaue Meer und die grüne Vegetation mit den gelben Blumen (Ginster?) dazwischen. Wir steigen einen holperig gepflasterten Weg hinauf zur Akropolis. Im 6. Jhdt v. Chr. wurde hier der dorische Athena-Tempel errichtet. Von ihm stehen nur noch ein paar Säulen, ansonsten liegen noch einige Bauteile herum. Der Blick nach Lesbos rüber ist wunderschön!

Über eine kleine Landstraße fahren wir an der Küste entlang Richtung Pergamon (heute Bergama). Das Blau des Meeres ist faszinierend. Ausgedehnte Olivenplantagen säumen unseren Weg, die Landschaft ist sehr bergig. Was wir in Pergamon besichtigen, stammt aus griechischer (ab dem 3. Jhdt v. Chr.) und römischer (ab dem 2. Jhdt v. Chr.) Zeit.

Den ersten Stop in Pergamon machen wir unten in der Stadt an der sogenannten „Roten Halle“, die gigantische Ruine eines ehemaligen Serapis-Tempels, der durch Kaiser Hadrian (117-138 n. Chr.) errichtet und in byzantinischer Zeit zu einer christlichen Basilika umgebaut wurde. Im unteren Teil wurde das Bauwerk mit Natursteinquadern gebaut, weiter oben als rotes Ziegelmauerwerk.

Wir fahren hoch zur Akropolis und besichtigen die zahlreichen Ruinen. Man kann die riesigen Ausmaße dieser antiken Stadt noch erahnen. Wir blicken von oben auf das viereckige, mit drei satt-grünen Pinien bestandene Areal, auf dem zu seiner Zeit der Zeusaltar im Innenhof einer ionischen Säulenhalle stand, dessen Reliefschmuck seit 1902 in Berlin auf der Museumsinsel bewundert werden kann. Der Ort hat für mich noch immer eine mystische Ausstrahlung. Der Blick von unten auf den Berg ist auch wunderschön, da beeindruckt besonders das Theater und das Trajansheiligtum mit den wieder aufgerichteten korinthischen Säulen.

Wir besichtigen unten im Tal, südlich der Stadt Bergama noch das Asklepieion mit heiliger Quelle. Die Anlage hat ebenfalls sehr beeindruckende Ausmaße und gehörte einst, neben ähnlichen Einrichtungen auf der Insel Kos und in Epidauros auf der Peloponnes, zu den berühmtesten Heilstätten der antiken Welt. Hier wirkte auch der berühmte Arzt und Philosoph Galen (129- ca. 199).

Wir fahren weiter Richtung Izmir, das frühere Smyrna, und werden dort erst spät abends ankommen. Unser Hotel liegt in oder bei Kusadasi.

 

Dienstag, 11.5.10

Heute steht Ephesus auf dem Programm. Im Laufe seiner wechselvollen Geschichte (erste griechische Besiedlungsspuren in mykenischer Zeit) hat Ephesus einst einen Hafen gehabt, heute ist das Meer aber 10 km von der Ruinenstätte entfernt. Ephesus wurde zum Mittelpunkt des ionischen Griechentums und konnte sich wegen seiner Lage und mit Hilfe der Schätze seines Artemisheiligtums zur Finanzmetropole und zum wichtigsten Handelsplatz West-Kleinasiens entwickeln. Zur Zeit der Pax Romana, 1-3 Jhdt n. Chr., hat die Stadt 250.000 Einwohner gehabt. In den Jahren 55-58 predigte der Apostel Paulus in Ephesus und brachte die Silberschmiede der Stadt gegen sich auf, die mit dem Verkauf von silbernen Artemisbildern die materielle Basis ihrer Existenz hatten. In den Jahren 1863-69 grub der Engländer J.T. Wood an der von ihm vermuteten Stelle nach dem Artemistempel und fand unter einer 8 m  tiefen Schlammschicht einige Überreste. Seit 1894 arbeitet das Österreichische Archäologische Institut an der Freilegung und Rekonstruktion der antiken Stadt.

Wir gehen die teils mit Marmorplatten belegte und von  Säulen (zum Teil mit schönen korinthischen und Stierkopf-Kapitellen) gesäumte Kuretenstraße entlang, vorbei an Thermen, dem Odeion (Versammlungsort des Stadtrates in Form eines kleinen Amphitheaters) vorbei am Heraklestor, verschiedenen Brunnen, Nymphaien, dem Hadrianstempel und dem Variusbad Richtung Celsusbibliothek, die im Jahr 135 n. Chr. vollendet wurde. Die 2-stöckige Fassade des Bauwerkes wurde in neuerer Zeit unter der Leitung österreichischer Archäologen in alter Pracht wieder aufgerichtet s. o. Die Stadt muß in ihrer besten Zeit mit ihren herrlichen Bauwerken, den von Säulenarkaden gesäumten Straßen und den unzähligen Statuen außergewöhnlich gewesen sein!

Wir biegen an der Celsusbibliothek nach rechts auf die Marmorstraße Richtung Hafen ab. Gleich rechts sehen wir das riesige Theater aus der Zeit Kaiser Trajans (es gab aber auch schon in hellenistischer Zeit ein solches), das 24.000 Zuschauern Platz bot. Hier wiegelte einst der Silberschmied Demetrios die Volksmassen gegen den Apostel Paulus auf. 300 Meter weiter weg sieht man die Grundmauern der angeblich ersten Marienkirche der Welt. Nach christlicher Überlieferung soll Maria hier gestorben sein. Beim Rückweg kommen uns auf der Kuretenstraße dichte Menschenmassen, vermutlich von den Kreuzfahrtschiffen, entgegen.

Im 3.Jhdt n. Chr. wurde Ephesus von den Goten geplündert, im 4. Jhdt durch Erdbeben zerstört. Diese Ereignisse und die Verlandung des Hafens führten zur Verlagerung der Stadt auf den Aya Sulug-Hügel. Nach der Zerstörung durch Mongolen und Osmanen verlor Ephesus jede Bedeutung. Auf seinen Trümmern entstand das Dorf Aya Sulug, heute Selçuk. Auf dem Burghügel sehen wir die Mauern der byzantinischen Zitadelle, unterhalb davon besichtigen wir die Überreste der Johanneskirche. Vor der Apsis befindet sich ein säulenbestandenes Viereck, das als Grab des Evangelisten Johannes gilt. Kaiser Justinian und seine Frau Theodora ließen im 6. Jhdt n. Chr. über dem Grab eine imposante Kuppelbasilika erbauen. Die Kirche war 110 m lang und 30 m breit, das Langhaus hatte fünf Schiffe, das Querhaus besaß drei Schiffe. Vier Kuppeln krönten das Hauptschiff, zwei die Seitenschiffe und fünf den Narthex, vor dem ein Atrium lag. Alle Kuppeln waren mit Blei verkleidet. An den noch vorhandenen Säulen sehen wir vereinzelt christliche Kreuze eingemeißelt.

Vom Zitadellenhügel aus schauen wir hinunter in die Ebene des Kücük Menderes, wo sich an einem kleinen Weiher der Platz befindet, an dem das Artemision, der Tempel der Artemis, eines der sieben Weltwunder der Antike, stand. Der in Ephesus praktizierte Kult der Artemis war in der ganzen griechischen Welt anerkannt und neben der wirtschaftlichen Stärke die Hauptursache für die Bedeutung der Stadt. Die Kultstätte auf einer Fläche von 115 x 55 m war mit 127 fast 20m hohen Säulen geschmückt. Seit christlicher Zeit ist der Tempel als Steinbruch bis auf die Fundamente abgetragen worden. Man sieht von dem ganzen Weltwunder nur noch Rudimente von Grundmauern, und eine einzige Säule ist wieder aufgerichtet worden.

Wir wollen zur Mittagspause in ein Gartenlokal fahren, zu dem aber nur eine extrem schmale Straße führt. Nach 5 Minuten meint unser Fahrer Emin, er hätte sich verfahren und fährt den ganzen Weg rückwärts wieder zurück, um dann festzustellen, daß es doch richtig war. Das Gartenlokal ist eine idyllische, blumenbestandene Oase, und wir essen unter schattigen Bäumen Köfte am Spieß, eine Spezialität! Danach fahren wir noch in die Kreisstadt Tire, wo wir vom Direktor des Archäologischen und Ethnographischen Museums empfangen werden. Die Exponate stammen alle aus der Region. Mir fällt auf, um wie viel reicher das private Museum Sadberk Hanim in Istanbul bestückt war. Wir werden vom Direktor noch zum Tee eingeladen und bummeln danach über den urigen Wochenmarkt der Stadt.

Auf dem Rückweg kommen wir nochmals durch die Stadt Selçuk und machen auf dem Gelände des Artemistempels eine Fotopause. Auf der einen hohen Säule, die hier noch steht, hat ein Storchenpaar sein Nest gebaut. Gösta sagt, das ist die Säule mit dem typischen Storchenkapitell! Im Hintergrund sehen wir die byzantinisch-selçukische Festung, das Gelände der Johanneskirche, und eine Moschee aus dem 14. Jhdt.

Das ist wohl der Abschiedsblick für diese Reise!

Nach dem Abendessen sitzen wir noch in großer Runde mit Cihan auf der Terrasse unseres Hotels. Mit artigen Dankesworten überreicht Gösta ihm das Heybe-Buch von Frau Dr. Pinkwart und Frau Steiner.

 

Mittwoch,12.5.10

Nach dem Frühstück fahren wir auf der Landstraße teilweise an der Küste entlang zum Flughafen Izmir. Cihan erzählt uns noch ein bißchen über das Bildungssystem, die Demographie und das Sozialsystem in der Türkei. Einzelheiten kann ich aber leider nicht mehr wiedergeben. Wir müssen, etwas umständlich, über Istanbul nach Frankfurt fliegen. Der Rest des Tages ist ausgefüllt mit Warten auf den Weiterflug und Hetzen zu den Anschlußzügen. Die Verabschiedung von unseren Freunden, mit denen wir so anregende und erlebnisreiche Tage verbracht haben, geht in dem Trubel leider etwas unter. Auf die Minute genau erreichen wir noch den letzten Zug nach Nürnberg, von dem wir auch noch einen Bummelzug bis fast vor unsere Haustüre bekommen. Mit dem schönen Gefühl, daß alles gelungen ist, beschließen wir den Tag.